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Die vielseitige Nachtkerze

Als wir uns letztes Jahr auf das Abenteuer Kleingarten einliessen, ahnten wir nicht, was für eine grosse, unsichtbare Samenbank wir mit übernahmen. Demzufolge wuchs nicht ausschliesslich, was wir anbauten, sondern auch jede Menge Wild- und Ackerbegleitkräuter. Dort, wo sie unser Gemüse nicht bedrängten und wenn sie nicht zum Typ 'Ich-breite-mich-rasend-schnell-aus' gehörten, liessen wir sie in wilden Ecken, Rabatten und Beeträndern stehen. Wir wurden mit schönen Blattstrukturen, bunter Blütenpracht und interessanten Insektenbesuchen belohnt.

Nach und nach fand ich heraus, dass viele der oft ungeliebten Gäste essbar und zudem äusserst gesund sind. Sie liefern wertvolle, sekundäre Inhaltsstoffe, die beim Supermarktgemüse grösstenteils herausgezüchtet wurden. So bereicherte ich unsere Salate durch das eine oder andere Wildgemüse. Das Schöne daran ist, dass die Wilden oft eine ungemeine Zähigkeit an den Tag legen, so konnten wir beispielsweise bereits ab März das kleine behaarte Schaumkraut (Cardamine hirsuta) ernten. Sein appetitliches Grün und die darin enthaltenen Senföle werten jeden Kräuterquark und Wintersalat auf.

Was ich nie vermutet hätte: Auch die Nachtkerze (Oenothera biennis) gehörte zu den essbaren Wildwüchsen. Da sie wunderbar blüht und zahlreiche Insekten wie Bienen, Schmetterlinge und Nachtfalter mit ihrem süsslichen Duft anlockt, liessen wir sie stehen. Die schalenförmigen Blüten öffnen sich am Abend und schliessen sich am Vormittag wieder. Letztes Jahr sprossen zwei Exemplare in den Rabatten. Sie müssen nur so mit Samen um sich geworfen haben, denn der diesjährige Sommer hat uns mindestens 20 Rosetten der zweijährigen Pflanze beschert. Die Nachkommenschaft nutzte geschickt die Lücke zwischen Winterheckenzwiebeln und Cocktailgurken um sich auszubreiten.

 

In gewissen Gegenden wurde die Nachtkerze früher auch als Nahrungsmittel angebaut, was jedoch wie bei vielen Wildgemüsen immer mehr in Vergessenheit geriet. Sie wurden wegen ihrer rötlichen Farbe oft auch als "Schinkenwurz" bezeichnet.

Verwertung der Nachtkerze

 

Die leicht scharfen Blüten und Blütenknospen eignen sich als leckere Beigabe oder Dekoration in Salaten, Suppen und anderen Gerichten sowie in Blütenbutter oder Teemischungen.

 

Die jungen Blätter vor der Blüte pflücken und roh als Salat oder gekocht wie Spinat zubereiten.

 

Die Wurzeln werden geschält und gekocht zu Salat oder wie Schwarzwurzel zu Gemüse verarbeitet. Sie werden im ersten Winter ausgegraben, also vor der Blüte der zweijährigen Pflanze, danach ist sie zu holzig.

 

Die Samen können verbacken oder im Mörser zerkleinert über Salat gestreut oder einem Müesli zugefügt werden.

 

Die Nachtkerze wird auch als Heilmittel verwendet.

 

Wurzelrezept

 

Der Geschmack der Wurzel interessierte mich besonders. Da gekochtes Gemüse bei uns eher weniger beliebt ist, habe ich daraus nach folgendem Rezept einen Wintersalat zubereitet.

 

Zutaten

300 g Wurzeln

Zitronensaft

Orangensaft

Rapsöl

Salz

Pfeffer

 

Zubereitung

Die Nachtkerzenwurzeln säubern, schälen, abspülen und in Salzwasser weichkochen. Abkühlen lassen und in Scheiben schneiden. Aus Zitronen- und Orangensaft, Oel, Salz und Peffer eine Sauce zubereiten und die gekochten Wurzeln zugeben. Etwas ziehen lassen. Mit essbaren Blüten wie Gänseblümchen, Stiefmütterchen oder Ringelblumen garnieren.

 

Der Salat schmeckt mild. Zitrone und Orange verleihen ihm eine fruchtige Note. Farblich und geschmacklich bereichert er den Speiseplan und bringt Abwechslung auf den Teller.

Die Nachtkerze ist somit in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung für den Garten: Sie ist ein wertvolles Wildgemüse, dekorativ und bietet Nahrung für Bestäuberinsekten.

 

Sie liebt ihren sonnigen Standort in unserem Garten, gedeiht aber auch im Halbschatten und ist den Boden betreffend anspruchslos. Ich hatte keine Arbeit mit ihr, denn sie ist von selbst gewachsen, kein Hacken, denn ihre Blattrosette deckt den Boden und hindert andere Pflanzen am Wachsen.

 

Und ganz wichtig: Sie wird weder von Schnecken noch von anderen Pflanzenvernichtern gefressen. Krankheiten habe ich auch keine entdeckt. Ist das nicht wunderbar?

 

Wenn sich im nächsten Frühling herausstellt, das auch die jungen Blätter als Salat schmecken, wird sie sicher ein fester Bestandteil unseres Gartens.

© garten-inspirationen.ch

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